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LJBO Hessen, Es Wächst - Mit der Zeit und mit seinen Aufgaben PDF Drucken E-Mail

VON JAKOB FRITZ

DAS 2007 GEGRÜNDETE SINFONISCHE JUGEND-BLASORCHESTER DES LANDES HESSEN VERSTEHT SICH ALS WIEGE JUNGER NACHWUCHS-TALENTE UND ALS REPRASENTANT DER SINFONISCHEN BLASMUSIK, DIE, IN DEN ACHTZIGER-JAHREN DES 20.  JAHRHUNDERTS NOCH EIN NISCHENDASEIN FÜHREND, IN JÜNGERER ZEIT ZU EINEIV] EIGENSTEHENDEN GENRE GEWORDEN IST. ETWA 60 JUNGE MUSIKER IM ALTER ZWISCHEN 12 UND 25 JAHREN KOMMEN ZWEIMAL IM JAHR AN EINEM ZENTRALEN ORT HESSENS ZUSAMMEN, UM DORT IN EINWÖCHIGER ARBEIT GEMEINSAM EIN ANSPRUCHSVoLLES KoNZERTPROGRAMM EINZUSTUDIEREN. FINANZIELL UNTERSTÜTZT WIRD DAS ORCHESTER VoM HESSISCHEN MINISTERIUM FÜR WISSENSCHAFT UND KUNST.

ln einer so jungen Institution nach einem allgemein vorhandenen »Geist« zu fragen ist gewagt, denn dieser Klangkörper ist - so scheint es - selbst noch auf der Suche nach einer »typischen« Ausdrucksform, einem vertrauten Klangbild. Während die Stücke von Konzert zu Konzert an Schwierigkeit zunehmen, gewinnt der Klang an Präzision, der Ausdruck an Leichtigkeit und die lntonation an Reinheit.

Man bekommt einen guten Einblick in diese Entwicklung, wenn man sich vor Augen hält, dass alles im Frühjahr 2008 mit einem Ensemble von gerade mal 37 jungen Bläserinnen und Bläsern begann und Besetzung und Anspruch seither stetig gewachsen sind. Unter der Führung des Orchesterleiters Jens Weismantel werden seither in jeder Probenphase die eigenen Leistungen übertroffen. Ziel ist dabei neben der Förderung individueller Talente das bereits Erwähnte: ein homogener Klangkörper, ein voll besetztes sinfonisches Blasorchester, ein Pendant zum hessischen Landesjugendsinfonieorchester und, nicht zuletzt, nationale bzw. internationale Vergleichbarkeit.

Jedoch - gut Ding will Weile haben. Und gerade in der Musik laufen Entwicklungen nicht wie heute üblich computerisiert in Sekundenbruchteilen ab, sondern bedürfen eines genau geregelten Wachstumsprozesses. Auf die erste Phase dieses Wachstumsprozesses können Jens Weismantel und der zum ständigen Begleiter gewordene Dirigent Prof. Hans Rückert - Bassposaunist im hr-Sinfonieorchester undDozent an den Musikhochschulen in Frankfurt und Mannheim - nun schon zurückblicken. An den Besuchen des österreichischen Komponisten Otto M. Schwarz 2008 und des im Genre sehr bekannten deutschen Komponisten für zeitgenössische sinfonische Blasmusik Rolf Rudin 2010 gewachsen, führten es die beiden Dirigenten schließlich im Sommer dieses Jahres zu dem nationalen Wettbewerb für Blasorchester und Spielmannszüge in Alsfeld, wo es mit gutem Erfolg den Ehrenpokal des Landes Hessen erspielte. Damit, so Weismantel, sei ein erstes Ziel erreicht. Es könne vom jetzigen Standpunkt aus mit einem elaborierten Stamm an Musikern auf höhere Ziele hingearbeitet werden. An oberster Stelle steht die Teilnahme an einem internationalen Wettbewerb für sinfonische Blasorchester.

Das alles klingt nach ungehinderter Erfolgsgeschichte. Allerdings ist der Weg nicht immer so leicht. Einmal müssen drei von vier Tuba-Spielern absagen, weil sie in der gleichen Zeit vom Landesjugendsinfonieorchester zur Arbeitsphase gebraucht werden, dann zieren sich lnstrumentalisten, die aus der Sinfonieorchester-Tradition kommen, vorzuspielen, da das Vorurteil, Blasorchester sei »vor allem laut« nach wie vor tief verwurzelt ist. Und auch das Publikum muss langsam und behutsam damitvertraut gemacht werden, dass auch sinfonische Blasmusrk Gänsehaut und Glücksgefühle erzeugen kann und eben nicht nur klatschbare Rhythmen und schrille Ohrwürmer. So präsentierte das Orchester auch schon einem Kenner-Kreis von recht wenigen Zuhörern mühevoll Erarbeitetes. Aber nichtsdestotrotz - die Mühe lohnt sich. Und die Vision einer anerkannten guten Musik ausschließlich mit Blech- und Holzblasinstrumenten lebt in jeder Probenphase etwas mehr in den jungen Musikern auf. Schließlich machen genaues intonationstraining und die gemeinsame Suche nach Klangfarben sowie die genaue Beschäftigung mit der eigenen Technik und mit den Problemen des ausgewogenen Zusammenspiels weniger Mühe; vielmehr Spaß! Und die Früchte der Arbeit können sich jedes Mal wieder gut hören lassen.

Der Konzertbesucher allerdings wird dennoch zunehmend gefo.rdert. So will es das Repertoire, das inzwischen von kunstvollen Bearbeitungen klassischer Werke bis hin zu komplexen Werken, die speziell für sinfonisches Blasorchester komponiert wurden, reicht. Und ebenso wird auch die Besetzung weiter ausgebaut: ern Klavier ist seit Ostern zorr dabei, seit der letzten Probenphase im Herbst zorr ist eine Harfe mit an Bord, gesucht werden noch ein Kontrabass und zwei Celli, denn die richtig anspruchsvolle sinfonische Blasmusik kommt dann doch nicht ohne den einen oder anderen klassischen (Streicher-)Klang aus.

Was die Besetzung des Jugendblasorchesters Hessen angeht, so sind es vor allem Schüler der Sekundarstufe und Studenten.Einige der letzteren haben hier ihren Eingang zum Musikstudium gefunden. Schließlich ist auch Jens Weismantel Absolvent der Schulmusikausbildung, hatte einen Lehrauftrag für Gehörbildung und unterrichtete Orchesterleitung an der Frankfurter Musikhochschule. Doch nicht nur seine Arbeit, sondern auch die der Dozenten für die einzelnen lnstrumentengruppen bieten immer wieder neue, interessante Einblicke in den Umgang mit Musik im großen Ensemble. Diese kommen in der ersten Hälfte einer Probenwoche und bearbeiten nach anfänglicher gemeinsamer Anspielprobe mit den einzelnen Sätzen des Orchesters deren spezielle Probleme und Fragestellungen. Dank einer großen Anzahl Dozenten kann dabei auf jede lnstrumentengruppe einzeln eingegangen werden. Diese professionellen Musiker bzw. Dozenten können mit viel Fachwissen und Erfahrung die Grundlagenarbeit leisten.

Nach dieser »Eingewöhnungsphase«, die auch der lntegration neuer Mitglieder und dem gegenseitigen neuen Kennenlernen dient, geht es dann an den Feinschliff. lm Wechsel proben Weismantel, Rückert und gegebenenfalls ein Gastdirigent mit dem Orchester an Durchläufen. Sie verfeinern
Übergänge, geben Ratschläge über Klangkultur, proben, bis die Balance zwischen Holz- und Blechbläsern ins Ohr geht, trainieren Rhythmen und Geschwindigkeit und erzählen musikalische Anekdoten, von ihren Auffassungen vom Musikmachen und über ihre lnterpretation der einzelnen Stücke.

Natürlich kommen die meisten Jugendlichenund jungen Erwachsenen momentan aus dem Blasorchester-Genre und es liegt nahe, zu vermuten, dass dem Orchester nichts näher liegen könnte als gute, alte Polka-, Walzer- und Marschmusik. Da dlese allerdings selten in den Programmen des
Orchesters zu finden sind, fühlen sich hier aber auch diejenigen wohl, die eher aus dem Sinfonieorchester kommen. Denn in einer Bearbeitung von Offenbachs »Orpheus in der Unterwelt« oder einer Ballettmusik Schostakowitschs kann man doch weitgehend die klassischen Aufgaben der einzelnen lnstrumente wiederfinden. Auch die Komponisten der »aktuellen« Literatur für diese Besetzung zeichnen sich zunehmend durch genaue Kenntnis der Fähigkeiten der einzelnen lnstrumente aus und es ist eben nicht mehr »vor allem Iaut«, was ein modernes sinfonisches Blasorchester zum Klingen bringt. Dennoch sind in der Besetzungsliste des Orchesters gewisse Ballungs-Zentren auszumachen, beispielsweise der Main-Kinzig-Kreis, in dem die sinfonische Blasorchester-Tradition schon relativ lange existiert, oder das Gebiet um und südlich von Hanau, das auch ein Zentrum der Blasorchester-Kultur Hessens darstellt. Das macht deutlich, dass auch hier noch ein großes Stück Weg vor dem Landesjugendblasorchester liegt: einmal die "Erschließung" der Gebiete Nord-West- und Süd-Hessens und andererseits die Entwicklung zu einem Klangkörper, der auch das "normale" allgemein geblldete Publikum anspricht und gleichzeitig auch für lnstrumente wie Fagott oder Oboe, die im typischen Blasorchester eine unverdiente Nebenrolle einnehmen, ein günstiges Klima bietet. Doch nach dem Konzert Ende Oktober 2011 in Bad Camberg im Taunus lässt sich sagen: Das Orchester lst dazu auf einem guten Weg! Lediglich mangelt es noch an Kenntnis durch die breite Zuhörerschaft und an Akzeptanz auf dem Musik-Markt, wie sie beispielsweise das Landesjugendsinfonieorchester Hessen genießt. Doch, wie gesagt: Gut Ding will Weile haben. Und vielleicht kommt ja mit internationalem Erfolg auch die Bekanntschaft im eigenen Bundesland. Man arbeitet daran.

Alles in allem lässt sich zusammenfassend momentan der »Geist des LJBOs Hessen« etwa so beschreiben: Junge Musiker - dadurch motiviert, dass sie mit ihrem musikalischen Schaffen daran beteiligt sind, neue Bahnen einzuschlagen - arbeiten in einem KIangkörper zusammen, der kontinuierlich wächst - mit der Zeit und mit seinen Aufgaben. Dabei steht für sie die Weiterentwicklung im Vordergrund, die Entwicklung zu einem bekannten Ensemble auf Landesebene; aber nicht nur das, auch das Gefühl der Gemeinschaft, Freude, spannende Erfahrungen, Erleben gemeinsamer Geschichte werden von den Musikern großgeschrieben.

Clarino - Januar 2012